25. November 2011
Man sagt, mit dem Silber, das aus dem Cerro Rico von Potosí geschürft wurde, hätten die Spanier eine Brücke von dort nach Madrid bauen können. Und mit dem Gebeinen der 8 Millionen Arbeiter, die in den Minen umgekommen sind, eine Brücke von Madrid zurück nach Potosí.
Das Frühstück in meinem Hostal La Casona war wie im Reiseführer angegeben zu vergessen. Es gab eine Semmel, etwas Marmelade und dazu einen dünnen Kaffee. Sehr lustig war dafür die Show, die sich allmorgentlich bot: Man musste sich sein Tablett mit den obengenannten Köstlichkeiten selbst abholen. Die Angestellten warteten aber lieber minutenlang an der Küchentür mit dem Frühstückstablett in der Hand, bis die Gäste das System verstanden hatten, als sich drei Schritte in Richtung der Tische zu bewegen.
Gestern schon hatte ich eine Tour in die Minen von Potosí gebucht. Schon die Inka hatten aus dem oberhalb der Stadt gelegenen Berg Cerro Rico (reicher Berg
) Silber abgebaut. Im 16. Jahrhundert förderten die Spanier – oder vielmehr ihre Sklaven – hier so viel Silber zu Tage, dass es zu einer regelrechten Silber-Inflation in Europa kam.
Auf der Liste der Agentur standen noch fünf weitere Personen, aber auch 15 Minuten nach der vereinbarten Zeit erschienen sie nicht. So führte mich ihr Besitzer Julio – ein ehemaliger Minenarbeiter – als einzigen Gast.
Wir fuhren mit einem öffentlichen Bus (ein eigenes Auto wäre für zwei Personen ziemlich überflüssig gewesen) zum Markt der Mineros. Hier erwarben wir diverse Mitbringsel
für die Minenarbeiter:
In this case I don't trust you.nahm sie mir Julio gleich ab und trug sie selber, worüber ich auch sehr froh war.
Mit einem weiteren Bus fuhren wir bis kurz vor den Eingang der Mine. Die Minen werden als Kooperativen betrieben, das heißt, alle Arbeiter sind Teilhaber, die ihren Chef regelmäßig aus ihren Reihen wählen. Wer neu einsteigt muss sich zunächst ein Jahr im harten Arbeitsalltag bewähren, danach kann er Socius
werden, ist dann ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft und über die Kooperative versichert.
Die Arbeiter sind in Gruppen organisiert, die selbständig und auf eigene Rechnung arbeiten.
Wir hielten erstmal Smalltalk in einer der Gruppenhütten. Es wurde Coca gekaut und mit Wasser verdünnter Alkohol getrunken. Vor dem Trinken musste immer ein Schluck auf den Boden geträufelt werden und damit Pachamama, der Mutter Erde, geopfert werden.
Endlich ging es in die Minen. Julio warnte mich – die ersten 300 m nach dem Einstieg würden wir rennen müssen. Der Tunnel war hier eng, zum einen weil es hier noch kein abbauwürdiges Erz gab, zum anderen, weil hier das Gestein brüchig war. Und je kleiner der Querschnitt des Tunnels, um so stabiler ist er.
Es gab keine Ausweichmöglichkeit auf diesen ersten 300 Metern, sollte uns hier eine mit Erz beladene Lore begegnen, müssten wir den ganzen Weg wieder zurücklaufen. Gebückt rannten wir los, die Tunnel waren nicht für einen durchschnittliche großen Europäer gemacht. Stromleitungen, Druckluft- und Wasserrohre hingen von der Decke. Gerade eben schaffen wir es bis zur ersten Ausweichstelle. Sekunden später rumpeln zwei Loren an uns vorbei. Gezogen und geschoben von je drei Mineros. Ich war völlig außer Atem, dabei war die Luft hier noch angenehm kühl und fast staubfrei. Aber die Höhe machte mir zu schaffen.
Julio drängte, weiterzugehen. Er hatte erfahren, das ab 12 Uhr gebohrt wird, also Löcher für die nächste Sprengung in den Fels getrieben werden. Eine staubige Angelegenheit, bis dahin sollten wir diesen Teil der Mine wieder verlassen haben.
Wir erreichten einen Stollen, der in eine große Kaverne mündete. Etwa 10 Mineros saßen an den Wänden und machten Mittagspause. Wir setzten uns zu ihnen, ich verteilte die Coca-Blätter und Julio gab den Alkohol an den Vorarbeiter. Er verdünnte ihn mit Wasser und die Flasche wurde herumgereicht. Auch der Gringo musste mittrinken und ich hoffte inständig, dass die Mischung zwar noch so stark wäre, alle Keime abzutöten, aber trotzdem nicht so stark, dass ich hier – hunderte Meter unter der Erde – die Kontrolle verlieren würde.
Trotz meiner Geschenke waren die Arbeiter nicht ganz glücklich. Sie verarschten Julio, weil er nur einen Mann und keine Frauen mitgebracht hatte. Es wurde sogar gefragt, ob er schwul sei. Zudem erheiterte ich die Mineros mit meiner Aussage, dass ich meistens mit Computern
arbeite. Eine gewisse Ähnlichkeit zum spanischen con puta
läßt sich nicht abstreiten und das heißt mit Prostituierten
, wie Julio übersetzte.
Nach einer halben Stunde machten sich zwei Männer fertig, die den Bohrer bedienten sollten. Ich wurde aufgefordert, ihn anzuheben, um ein Gefühl für sein Gewicht zu bekommen. Es gelang mir gerade so, aber die beiden müssen mit ihm die nächsten zwei Stunden mehrere Löcher in den Fels treiben. In diese wird dann das Dynamit gesteckt und der Stollen durch die Sprengung vorangetrieben. Der Staub, der beim Bohren entsteht, erfordert, dass die Männer Atemfilter tragen. Das macht die Arbeit noch anstrengender. Ich durfte bis an das Stollendende mitgehen, auch wenn es angeblich Unglück bedeutet, wenn ein Gringo bis dorthin vordringt. Die mangelnde Sicht ließ mich aber sowieso schnell den Rückzug antreten.
Wir besuchten eine weitere Gruppe, bei der wir aber nicht lange bleiben konnten, weil sie anscheinend sehr unter Zeitdruck standen und Julio die Männer nicht bei ihrer Arbeit stören wollte.
Zum Abschluss unseres Ausflugs unter Tage besuchten wir den Tio. Die Spanier erschufen diesen Teufel der Unterwelt, um ihre indianischen Sklaven bei dem – ihrer Ansicht nach – richtigen Glauben zu halten. Über der Erde sollten sie als treue Christen ihrem gnädigen Gott huldigen, unter der Erde aber dem Tio bedingungslos dienen. Julio zündete eine Zigarette an, paffte ein paar mal, um sie ordentlich zum Glühen zu bringen, und steckte sie ihm dann in den Mund (oder sollte man bei einer solchen Figur eher von einem Maul
reden?). Ich streute meine letzten Coca-Blätter um die Statue.
Auf unserem Weg nach draußen folgten wir Mineros, die eine Lore schoben, in der Hoffnung, dass sie uns freien Durchgang verschaffen würden. Trotzdem gab es eine Kollision. Offenbar hatte die Kommunikation nicht geklappt (sie erfolgt durch Schlagen auf die Druckluftrohre). Drei leere Loren wollten in den Berg, eine volle und wir hinaus. Nach einer hitzigen aber kurzen Diskussion einigte man sich auf dass die leeren Loren wieder hinausfuhren und die gefüllte Lohre vorbeiließen. Da es keine Ausweichgleise gab, wurden die leeren Loren einfach von den Gleisen geschmissen.
Ich war wahnsinnig froh, wieder Tageslicht zu erblicken. Wenn man sieht, unter welchen Bedingungen die Menschen hier arbeiten erscheinen alle Probleme und jeder Stress, den wir in unserem Büroalltag haben, lächerlich. Andererseits darf man nicht vergessen, dass auch in Europa vor 100 Jahren teilweise noch unter schlechteren Bedingungen gearbeitet wurde. Ich danke unseren Vorfahren, dass sie unser heute so komfortable Leben aufgebaut haben und hoffe auf schnellen Fortschritt in Bolivien!
Julio beglich den Eintrittspreis für mich bei der Kooperative, dann erklärte er, wie das abgebaute Erz weiterverarbeitet wird:
Jede Gruppe hat einen Lagerplatz, auf dem sie ihr Gestein aus den Loren leert. Wenn er voll ist bringt ein LKW der Kooperative alles zur Weiterverarbeitung. Diese Betriebe kann man auf einigen anderen Touren besichtigen, wir besuchten sie nicht. Julio und ich hatten Hunger und er führte mich in ein Einheimischenrestaurant.
Des Abends bestieg ich noch den Glockenturm der Kathedrale von Potosí. Eigentlich wollte ich nur die Aussicht genießen, aber ein wirklich engagierter Führer erklärte mir noch jedes Bild der Kirche. Da diese gerade renoviert wurde und die offiziellen Öffnungszeiten schon deutlich überschritten waren, musste ich den Ort über eine Baustelle verlassen.
Reisetipps
Greengo Tours - mit denen war ich unterwegs. Die Tour geht zu der Mine 10 de Noviembre
, in der der Besitzer Julio Cesar Morales jahrelang gearbeitet hat. Es ist keine Touristen-Mine, d.h. die Arbeiter schätzen natürlich die Zusatzeinnahmen durch die Besichtigungen, lassen sich aber ansonsten nicht durch die Gäste bei ihrer Arbeit stören. Kosten: 100 Bs.
Fotografieren in den Minen - ist schwierig. Einerseits hat man ständig dreckige und nasse Hände, was der Kamera nicht sonderlich gut tut, anderseits staubt es in manchen Teilen gewaltig, so dass oft nur die Reflexionen des Blitzes an den Staubteilchen zu sehen sind. Eine Spiegelreflexkamera, deren Blitz weiter vom Objektiv entfernt angeordnet ist, würde vielleicht dieses Problem lösen, aber diese den unwirtlichen Bedingungen einer Mine auszusetzen wäre mutig, wenn nicht sogar leichtsinnig.
Dazu kommt, dass die Mineros nicht gerade begeistert sind, im Blitzlichtgewitter der Touristen zu stehen. Verständlich, wer möchte schon wie ein Tier im Zoo als Attraktion abgelichtet werden? Und vielleicht das Wichtigste: Durch den Blitz nimmt die Empfindlichkeit der Augen ab und das kann in kritischen Situationen schnell gefährlich werden, natürlich auch für andere Touristen.