15. November 2011
Nein, ich habe keinen Abstecher an den berühmten Strand von Rio de Janeiro gemacht, musste meine Pläne aber trotzdem ziemlich abändern. Aber der Reihe nach.
Heute früh sollte eigentlich meine Fahrt mit Bus und Bahn nach Tupiza losgehen. Ich hatte zwar gehört, dass es momentan Straßensperren auf meinem Weg geben soll (eine in Bolivien durchaus übliche Form des Protestes) machte mir aber darüber keine weiteren Gedanken. Beim Abholen meiner Tickets gesten hätte man mich ja sicher darüber informiert. Vielmehr machte ich mir während der Taxifahrt zum Busbahnhof bezüglich meiner Pünktlichkeit Gedanken. Die Taxifahrt durch den Berufsverkehr von La Paz dauerte fast eine Stunde, statt der üblichen 30 Minuten, die man normalerweise von Mallasa in die Innenstadt braucht. 10 Minuten zu spät erreichte ich den Busbahnhof. Der Schalter der Busgesellschaft war geschlossen. Schnell sprach mich aber jemand an, als ich so ratlos herumstand. Er führte mich zum zentralen Infostand, wo mir eine Angestellte in gutem Englisch die Situation erklärte. Wobei die Lage auch mit Händen und Füßen ziemlich schnell zu erklären gewesen wäre: Heute und morgen fuhren keine Busse Richtung Süden, an der Telefonzelle gegenüber stehen schon zwei Franzosen, die versuchen, ihre Tickets umzubuchen. Ich beschloss, erstmal nach Copacabana am Titicacasee zu fahren und buchte meine Tickets auf Freitag um.
Die Busse nach Copacabana fahren idiotischerweise nicht vom Busbahnhof ab, sondern vom Cementerio General, also dem Zentralfriedhof. Warum will ich garnicht wissen. Dort angekommen kaufte ich mir ein Ticket vom Schaffner des Busses, der angeblich um 11 Uhr, ca. 20 Minuten später abfahren würde. Tatsächlich fuhren wir pünktlich ab, obwohl der Bus mit nur etwas 10 Personen deutlich unterbesetzt war. In El Alto, der Stadt neben La Paz hielten wir dann aber noch für über 30 Minuten, um weitere Fracht und Personen anzuwerben. Sogar die Einheimischen protestierten gegen den langen Aufenthalt, indem sie mit den Füßen stampften und laut ¡Vamos!
riefen.
Copacabana liegt auf einer Halbinsel im Titicacasee, die von Bolivien aus – wenn man nicht die Grenze nach Peru überqueren will – nur über Fähren von der kleinen Ortschaft Tiquina aus zu erreichen ist. Diese Fähren werden oft in Reiseberichten als besonders gewagt beschrieben. Für ein Land der dritten Welt sind sie aber absolut in Ordnung. Es gibt z.B. in Kambodscha deutlich unangenehmere Autofähren. Die Boote hier sind höchstens etwas untermotorisiert, sie müssen aber auch nur einen See überwinden und keinen Fluss mit entsprechender Strömung. Außerdem werden die Passagiere auf eigene Schiffe umgeladen, was allerdings vermutlich weniger der Sicherheit dient, sondern vielmehr, um die Gelegenheit zu nutzen, weitere 0,50 Bs pro Person abzukassieren.
Bis Copacabana quälte sich der Bus noch einige Kilometer über die Berge. Gegen 14 Uhr erreichten wir den kleinen Ort an einem Sandstrand am Ufer des Titicacasees.
Ich hatte keinen wirklichen Plan, in welchem Hostel ich absteigen wollte. Dort wo der Bus hielt gab es eine Touristeninformation, aber in dem modern wirkendem Gebäude befand sich niemand. Es war noch früh am Tag, meinen Rucksack hatte ich nur leicht gepackt und so entschied ich mich, erstmal etwas durch die Straßen zu schlendern, bevor ich mir ein Hotel suchte.
Im La Cupula hätte man für morgen noch ein Zimmer gehabt, aber nicht für heute. Man schickte mich weiter ins angrenzende Las Olas. Hier empfing mich eine ältere Dame, die sich offensichtlich in einer ernsten Diskussion mit einem Angestellten befand. Nach einiger Zeit unterbrach ich die beiden und fragte nach einem freien Zimmer. Etwas unwirsch meinte sie, dass nichts mehr frei wäre. Aber der Angestellte deutete mir zu warten und mich an die Rezeption zu setzen. Die Dame – eine schweizer Touristin, nicht wie von mir vermutet die Besitzerin oder eine ähnlich wichtige Person – sagte nochmals, dass nichts frei wäre, aber ich blieb. Nach einiger Diskussion stellte sich heraus, dass sie wohl versucht hatte, hier zu reservieren, aber alles voll war. Nun war es aber bereits 15 Uhr und eine Reservierung war nicht erschienen. Ärgerlich für die Schweizerin, sie waren schon in ein anderes Hotel gezogen, gut für mich, denn ich bekam das Zimmer. Ihr Enttäuschung war verständlich, denn für einen wirklichen Freundschaftspreis bekam ich eine riesige, wunderschöne Cabaña, die der deutsche Designer Martin hier an den Berg gebaut hatte. Mit großen Fenstern für einen genialen Seeblick.
Nachdem ich meine Residenz bezogen hatte ging ich zurück zum La Cupula, um ein Zimmer für morgen zu reservieren.
Zum Sonnenuntergang stieg ich über den Kreuzweg auf den Cerro Calvario, einem heiligen Berg an der Dorfgrenze von Copacabana, von dem aus man einen tollen Blick über den See haben sollte. Oben unterhielt ich mich lange mit einem Niederländischen Pärchen, die fast ein Jahr durch Südamerika reisten. Unsere Unterhaltung wurde jäh unterbrochen, als einige Jugendliche Kracher zündeten. Ein Mädchen aus der Gruppe hatte noch versucht uns zu warnen – zu spät. Bei uns in Deutschland würde man einen solchen heiligen Gipfel als einen Ort der Ruhe und Besinnung verstehen. Nicht so hier. Man kann Getränke und vor allem auch Bier kaufen (14 Bs), es wird laut geredet und oft auch Kracher gezündet. Wer einen speziellen Wunsch hat kauft ein Bildnis dessen, z.B. ein Haus oder Auto aus Pappmaché, und opfert es.
Reisetipps
Bus La Paz - Copacabana - fährt nicht vom Terminal de Autobus sondern vom Cementerio General ab. Dorthin kommt man per Taxi oder mit einem der zahlreichen Micros. Er kostet 15 Bs, ich habe unwissenderweise 40 gezahlt. Die Fahrt dauert gute zwei Stunden, man könnte also prinzipiell auch einen Tagesausflug von La Paz aus hierher unternehmen.
Copacabana - liegt an einer Bucht am Titicacasee. Der Strand hat den Charme eines Ostseebades, das Wasser ist eiskalt, dafür kann man Tretboote in Schwanenform mieten. Zahlreiche Cafés und Restaurants befinden sich am Ufer oder in den Straßen dahinter. Der berühmte Stand in Rio ist tatsächlich nach diesem Ort benannt.
Cerro Calvario - ein schon zu Inka-Zeiten heiliger Berg, der direkt an Copacabana angrenzt. Heutzutage befindet sich hier ein Kreuzweg. Bei den Touristen besonders beliebt zum Sonnenuntergang. Dann wird es aber schnell sehr kalt, unbedingt eine Jacke mitnehmen!
Las Olas, Calle Michel Perez (ganz am Ende Richtung See), Copacabana, Tel.: +591-2862-2112, Email: info@hostallasolas.com - sechs wunderschöne Designer-Hütten mit Blick auf den See, offenem Kamin und Küche. Pro Hütte 30 US$ für eine Person, 40 US$ für zwei. Frühstücken kann man sehr gut im benachbarten La Cúpula (siehe nächster Reisebericht).
Straßensperren - gehören hier zur Protestkultur. Aus Gründen, die sich uns Touristen oft verschliessen, werden Strassen blockiert – besonders beliebt und effektiv ist die Straße von La Paz nach Oruro. Es gibt kaum eine Ausweichmöglichkeit, um von der Hauptstadt in den Süden des Landes zu kommen. Fliegen wäre eine Alternative, aber das wollen natürlich in solch einer Situation alle. Oder man kann versuchen, jemanden zu finden, der bereit ist, mit seinem Geländewagen über irgendwelche Nebenstrecken die Sperren zu umfahren. Dann darf man aber für La Paz - Oruro mit über 10 Stunden Fahrzeit rechnen.
Da das Schmeissen von Steinen und Dynamitstangen als durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt angesehen wird, sollte man sich als Tourist keinesfalls einmischen und auch nicht versuchen, diese Sperren zu umgehen.