Ferrobus

26. November 2011

Gegen 6 Uhr stand ich auf, duschte, gab ordnungs­gemäß meine Sachen ab (Fernbedienung, Handtuch, Klorolle, Schlüssel), schulterte meinen Rucksack und verließ das Hostel. Für ein Frühstück hier war es zu früh – und ich verzichtete nach der gestrigen Erfahrung auch dankend darauf. Der Weg zum Bahnhof führte fast nur bergab, deshalb lief ich. So früh waren kaum Autos unterwegs und die Luft war kühl und frisch.

Das änderte sich, als ich die tieferen Stadtteile in der Nähe des Bahnhofs erreichte. Hier war schon einiges los und in der Zufahrtsstraße zum Bahnhofsgebäudes wurde gerade ein Markt aufgebaut. Der Eingang war kaum noch auszumachen. Wie gestern ging ich um das Gebäude herum zu einer kleinen Tür. Man deutete mir, mich auf eine Bank in einer Amtsstube zu setzten. Einige Einheimische warteten hier schon. Einer fragte woher ich käme und wohin ich fahren wolle. Mein Hinweis, dass ich praktisch kein Spanisch sprechen würde, wurde ignoriert, immer weitere Fragen gestellt und immer schwerer fiel es mir, mit Händen und Füssen zu Antworten.

Endlich kam der für die Fahrkarten zuständige Beamte. Umständlich wurde von jedem Fahrgast Name und Passnummer aufgenommen, ein Sitzplatz zugeteilt und 30 Bs kassiert. Den erhofften Platz neben dem Fahrer bekam ich leider nicht, hier fuhr ein weiterer Bahnarbeiter mit, der für das Verladen des Gepäcks auf das Dach verantwortlich war. Ihm schien es sehr wichtig zu sein, während der gesamten 7-stündigen Fahrt seinen orangenen Helm aufzubehalten.

Der mir zugeteilte Sitzplatz (Nr. 3) war nicht gerade der beste, denn neben mir saß eine dicke Oma. Zudem ließ sich das Fenster hier nicht öffnen. Nach einiger Zeit beschloss ich, in den hinteren Teil es Ferrobusses umzuziehen. Der war komplett leer, denn die Sitze werden in Bolivien streng der Reihe nach verteilt und kaum einer setzt sich um.

Die Fahrt verlief zunächst durch die Vororte von Potosí, dann entlang von kleinen Dörfern. Ganz selbstverständlich spannte man hier noch die Ochsen vor den Pflug. Nach etwa zwei Stunden wurde die Fahrt richtig spektakulär: Die Trasse der Gleise war in einen Hang geschnitten und vom Zug aus hatte man eine geniale Sicht ins Tal.

Gegen Mittag erreichten wir Vila Vila, einen Ort fernab jeder Straße. Die einzige Verbindung war der Ferrobus. Fast alle seit Potosí verbliebenen Passagiere stiegen hier aus, aber mindestens ebensoviele steigen zu. Am Bahnsteig bot eine Verkäuferin Snacks an. Ich stärkte mich mit zwei in Teig gehüllten Fleischbällchen, zumindest war das meine Interpretation und Hoffnung von dem, was ich dort gegessen habe. Nachdem die Nahrungsaufnahme heute noch sehr spärlich war, schmeckte es ganz gut.

Nach etwa einer halben Stunden änderte sich die Landschaft wieder drastisch: Wir fuhren entlang eines Tales, in das sich ein Fluss tief eingeschnitten hatte. Momentan führte er wenig Wasser, aber sein Bett vermittelte einen Eindruck davon, wie sehr er vermutlich in der Regenzeit anschwellen würde.

Inwischen waren immer mehr Menschen in den Ferrobus eingestiegen. Eine Stunde vor Sucre waren alle Plätze besetzt und einige Leute standen schon im Gang. Neben mir saß eine Campesina, die ständig auf mich einredete. Wie schon heute früh hatte ich keine Chance, mich auf meine sehr bescheidenen Spanischkenntnisse herauszureden. Woher, wohin und überhaupt, warum nicht im viel schnelleren und komfortableren Touristenbus?

Unsere Endstation war nicht direkt in Sucre – der Bahnhof dort ist seit langer Zeit außer Betrieb – sondern in El Tejar, einem Vorort. Dort angekommen nahm ich der Einfachheit halber ein Taxi ins Zentrum, zur Plaza 25 de Mayo. Das ist der zentrale Platz von Sucre, von dort aus lief ich zu meinem Hostal. Dem Taxifahrer den Weg direkt dorthin zu beschreiben hatte ich keine Lust – mein Bedarf an Konversation auf spanisch war durch die letzten acht Stunden ausreichend gedeckt.

Reisetipps

Ferrobus - 25 Bs sind der offizielle Fahrpreis, plus 5 Bs für irgendetwas, das ich nicht verstanden habe, ich aber auch wegen dieser lächerlichen Summe nicht weiter diskutieren wollte. Weitere 8 Bs kostete das Taxi vom Bahnhof (Sucre, El Tejar) ins Zentrum.


Plaza - mit dieser Ortsangabe fahren einen die Taxifahrer in vielen bolivianischen Städten ins Zentrum, von wo aus man sich zu Fuß ein Hotel suchen kann. Vorausgesetzt, man hat nicht zu viel Gepäck dabei.