Sklavendorf

8. Dezember 2011

Die unterdrückten Völker Südamerikas sind wie ein Vulkan: Niemand zündet sie an. Sie explodieren ganz von selbst. - Fidel Castro

Heute wollten Linda und ich Tocaña, ein Dorf auf der anderen Seite des Tals, besuchen. Die Spanier hatten wärend ihrer Herrschaft über dieses Land versucht, Sklaven aus Afrika einzuführen, die vor allem in den Silberminen von Potosí Fronarbeit leisten sollten. Allerdings vertrugen sie die Höhe nicht und nur wenige überlebten. Ihre Nachfahren haben sich in diesem Dorf angesiedelt.

Unser Guide war überpünktlich. Vermutlich wollte er ausschließen, dass es sich seine Touris anders überlegen und wir vor seiner Ankunft das Hotel verlassen. Deshalb vielleicht auch sein Angebot, uns direkt im Sol y Luna abzuholen.

Von Coroico aus schraubten wir uns über eine schmale Straße ins Tal. Die Wolken hingen tief an den Bergen. Heute war sicher nicht der günstigste Tag für solch eine Unternehmung. Wir erreichten den Fluß im Tal und parkten vor einer Brücke. Warum wir nicht weiterfuhren erschloss sich uns zunächst nicht wirklich – für bolivianische Verhältnisse schien die Brücke in bestem Zustand zu sein. Was das Problem war sahen wir, nachdem wir sie zu Fuß überquert hatten: Kurz vor dem anderen Ufer endete sie aprupt. Anscheinend war plötzlich das Geld ausgegangen und man konnte nicht weiterbauen. Über eine recht wackelige Bretterkonstruktion konnten zumindest Personen das andere Ufer erreichen. Wärend wir schon Probleme hatten, nicht von der schmalen Planke zu fallen, schleppten die Einheimischen darüber schwerste Waren hin und her.

Wohlbehalten erreichten wir die andere Seite, aber schnell setzte ein übler Regenschauer ein. Wir warteten unter dem Vordach einer Barake, bis das schlimmste vorbei war.

Nach einer guten Stunde erreichten wir über vom Regen aufgeweichte Pfade Tocaña. Wir liefen erstmal an dem sogenannten Kulturzentrum vorbei. Am Vortag hieß es noch, dass man hier etwas über die hiesige Kultur erfahren könnte. Heute war es geschlossen – zu viel Regen, zu wenig Touristen. Letztendlich war es auch nur eine Art Tanz-Arena, mit Sitzen für die Touristen und einer Bühne, auf der mit Sicherheit nur autentische und seit Generationen überlieferte Tänze aufgeführt werden. Nicht wirklich das, was ich mit unter einem Kulturzentrum vorstelle. Ganz stolz verwies unser Führer auf eine Plakette, auf der stand, dass der ganze Komplex von den U.S.A. finanziert wurde. Toll.

Wir liefen weiter durch das Dorf, vorbei an einer kleinen Krankenstation, bis zur Kirche. Wenn nicht so viele Wolken dagewesen wären, dann wäre die Aussicht vom Kirchturm sicher schön gewesen. Wenn an der Freitreppe auch noch ein Geländer gewesen wäre, dann hätte ich mich wesentlich wohler gefühlt.
Das einzige Hostal des Dorfes erschien ziemlich verfallen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier noch Menschen lebten. Bedenkenlos drückte ich die Klinke einer Zimmertür, öffnete sie – und blickte in die Augen eines aufgeschreckten Bewohners.

In einem der Häuser wurden uns Ketten und andere Souveniers dargeboten. Man führte einen Film vor, der wohl schon vor etlichen Jahrzehnten über dieses Dorf und seine Traditionen gedreht worden war. Die ganze Szenerie war seltsam – im selben Raum waren die Betten der Bewohner – aber nicht aufdringlich. Wir bekamen ungefragt einen Kaffee serviert, ich befürchtete schon übelste Touri-Abzocke. Die geforderten 2 Bs waren aber absolut in Ordnung.

Reisetipps

Tocaña - von Coroico aus. Ca. 300 Bs für einen Guide inkl. Anfahrt für 2-4 Personen sind für einen Ausflug in die Umgebung in Ordnung. In der Tourist Information auf dem Hauptplatz von Coroico findet man leicht einen Guide.